Ein Mikrokosmos
der Nächstenliebe

Der krebskranke Werner Kaiser pilgerte zu Fuß
8oo Kilometer nach Santiago de Compostela

(Evangelisches Gemeindeblatt, Ausgabe 2.5.04, Aus der Region, Mittlerer Neckar und Stauferland)
Buch-Tipp
Das Buch von Werner Kaiser (160, Seiten, ca. 150 Abbildungen) ist unter dem Titel
"Jakobsweg-Ein Weg aus Lebenskrisen?" im Verlag Grauer erschienen,
ISBN 3-86186-445-2. Vom Preis von Euro 19,95 gehen zwei Euro an die Deutsche Kinderkrebshilfe.
FILDERSTADT-PLATTENHARDT (Dekanat Bernhausen) -"Warum sind Sie eigentlich einen katholischen Weg gegangen?" Eine Frage, die der überzeugte Lutheraner Werner Kaiser schon öfter hörte. „Ich habe auf dem Jakobsweg keine getrennten Wegweiser für Protestanten und Katholiken gefunden", meint er schmunzelnd. Und Luther sei schließlich auch nach Rom gepilgert: „Sein Problem war nicht das Pilgern, sondern der Ablasshandel."
Foto: Peter Dietrich

Werner Kaiser ist sich sicher: „Den einen Jakobsweg gibt es nicht - mein Jakobsweg hat bei meiner Geburt begonnen und endet nicht in Santiago, sondern bei Jesus Christus."
Ein Lebensweg, der ihn, den 1949 geborenen, durch schweres Leiden führte: Scheidung nach 18 Jahren, Pflege seiner schwerkranken Mutter bis zu ihrem Tod, seine eigene Krebserkrankung und dadurch Verlust seines Arbeitplatzes als Bankkaufmann.
„Ich habe allen Grund gehabt, dankbar zu sein, dass ich mit der Erkrankung diesen Weg nach Santiago gehen konnte", betont Kaiser, der sich gemeinsam mit seinem Freund Dieter Weinmann auf den Weg machte. Auf 811 Kilometern in 32 Etappen erlebte er einen „Mikrokosmos gegenseitiger Hilfe, Nächstenliebe und Gemeinschaft".
„Man begibt sich aus dem Schutz der Heimat, hat plötzlich kein eigenes WC und keine eigene Dusche mehr. Das Leben reduziert sich auf Beten, Essen, Trinken und Schlafen." Und Pilgertagebuch schreiben, sollte er wohl.
Stolz zeigt Werner Kaiser sein Pilger-tagebuch. Besonders an den "besonderen Geist", der auf dem Weg wehte, erinnert er sich gerne.

Vor kurzem wurde sein persönliches und ergreifendes Buch veröffentlicht, das die Tage der Reise wieder lebendig werden lässt.
Wie Samstag, den 17. Mai 2003: Letzter Tag vor dem Abflug nach Pamplona. In der Jakobuskirche in Bernhausen entzündet Pfarrer Ulrich Scheffbuch zwei Pilgerkerzen und spendet den Pilgersegen. Psalm 27 soll den beiden Pilgern für die nächsten fünf Wochen ein Begleiter sein.
„Es weht schon ein besonderer Geist auf dem Weg", erinnert sich Kaiser. Besonders der Ort Granon (nahe der Stadt Burgos) hat sich ihm eingeprägt. „Man schläft in der Kirche, der Pfarrer begrüßt jeden Pilger. Jeder bekommt ein Blatt mit Psalm oder Gebet in seiner Sprache. Er notiert die Namen: Wenn wir weiter gezogen sind, werden am nächsten Tag andere Pilger
für uns beten."

Wie sein Buch entstand - für Kaiser einer jener Zufälle, die in Wirklichkeit keine sind. Ein Verlag hatte ihn gerade auf Ende 2005 vertröstet, Kaiser ging in die örtliche Druckerei, ein Manuskript binden lassen. Dort erfuhr er, dass am selben Abend der Verleger Dr. Grauer zur Druckerei käme. Dessen Anruf kam schon am nächsten Tag: „Dieses Buch muss ich machen."
„Krankheit kann auch eine Chance sein", sagt der Krebskranke, der heute als Seelsorger im Ehrenamt an der Filderklinik anderen Menschen hilft und zurzeit eine Ausbildung zum Lek tor absolviert. Nebenbei berichtet er bei Diavorträgen über seinen Pilgerweg. „Die sieben mageren Jahre sind
jetzt vorbei", sagt Kaiser, „also müssen nun die sieben fetten Jahre kommen."
Und lacht.


Peter Dietrich